Freitag, 22. April 2011

Schnitt

Diagnose: Septumdeviation, MHP (Nasenmuschelhyperplasie) beidseits Operation: Submuköse Resektion und plastische Rekonstruktion des Nasenseptums, Conchotomie und Abtragung der hinteren Enden

Zeige deine Wunde!

Bericht: Nach Kürzen der Vibrissae und Reinigen der Vestibula Unterspritzen der Nasenschleimhaut mit 7 ml Xylonest 0,5% mit Adrenalin (1:200000). Zunächst Hemitransfixionsschnitt rechts und Präparation oberer Tunnel beiderseits und eines unteren Tunnels links. Anlage einer Swinging door an der Knochen-Knorpelgrenze. Resektion der deviierten Lamina perpendicularis sowie Abschlagen der knöchernen Leisten. Columellatasche. Nun Lateralisation der unteren Nasenmuscheln und Resektion der hinteren Enden. Blutstillung bipolar. Reimplantation begradigter Knorpel- und Knochenstückchen in die Septumtasche. Einlage von Doyle-Splints. Transfixionsnaht. Rhinotamp. Regelrechte Extubation.

Bluttüte

Die erste OP ist ja immer die Schönste. Und ich habe Glück: Vom 18. Stock der Charité aus schwimmt Berlin in einer rot-goldenen Suppe aus Morgenlicht. Ich genieße die meditative Ruhe der Herrgottsfrühe, lege mich im OP-Hemd in das Krankenbett und bin bereit, alles über mich ergehen zu lassen.
Das Fünkchen Spiritualität, das ich seit einiger Zeit am Glimmen erhalte, und das mich halbwegs entspannt sein lässt, erlischt auch erst, als das Angst-Wort 'Anästhesie-Schleuse' fällt. Gegen das zunächst leichte und immer stärker werdende Zittern packt mich die OP-Schwester in eine doppelte Schicht kratziger OP-Decken. Beim Puls von 103 entfährt ihr ein "Hui", das meinen Herzschlag nochmals in der Höhe treibt. "Ich bin ja tachykard!" möchte ich mich empören, da hat der Anästhesist mir schon die Atemmaske aufgelegt, sagt freundliche Worte und schleust mir Propofol in die Vene.

Aufwachraum. Ich höre von zwei Seiten meinen Namen rufen. Ich weiß augenblicklich was los ist, bin aber der festen Überzeugung, zu Hause zu sein. Ich versichere mich, dass diese räumliche Desorientierung normal ist, da ist sie auch schon verschwunden und der Schmerz da. So ein Druckgefühl, als würde eine Elefant von innen gegen das Gesicht treten. Mir wird intravenös ein Analgetikum eingeflösst. Der Hals fühlt sich an, als wäre er mit Beton ausgegossen. Mir wird Mucin in den Rachen gesprüht.
Erneut fange ich an, wie verrückt zu zittern. Man begräbt mich unter einer Art wärmender Luftmatratze, die mir bald lästig wird. Außerdem bemerke ich jetzt eine Schwellung an meiner linken Unterlippe, gerate in Panik und rufe nach dem Anästhesisten. Keine allergische Reaktion, tröstet er mich, das käme von der Intubation, nächste Woche könne ich wieder küssen. Dann erzählt er mir noch das Gleichnis vom Säbelzahntiger und ich weiß worauf er hinaus will: Auf die paradoxe Verschränkung von atavistischer Angst und zivilisierter Welt.
Um mich herum keucht, röchelt und stöhnt es. Da erst bemerke ich, wie ruhig ich atme. O.k., die Nase ist tamponiert, also kann die Luft nur den unangenehmen, weil unphysiologischen Weg über den Mund nehmen. Aber darauf hatte ich mich mental gut vorbereitet. Trotzdem hatte ich erwartet, stark husten zu müssen und der Hyperventilation ausgeliefert zu sein. Doch das erste Mal seit Jahren verfeindet sich mein Atemtrakt nicht gegen mich, sondern macht einfach mal seinen Job.
Als die Tamponaden nach 24 Stunden raus sind, fühlt es sich an wie ein glatter Durchschuss. Nie zuvor habe ich so frei durch die Nase atmen können. Und als die Splints nach einer Woche (unter einer kleinen Ohnmacht) entfernt werden, ist es wie die Erlösung von einer Folter.

Die Ärzte sind mit dem Operationsergebniss sehr zufrieden. Mein Operateur meinte gestern bei der Nachkontrolle (OP war heute vor 2 Wochen), dass er stolz ist auf seine Arbeit. Ich selbst bin wohl noch zur Geduld verdammt. Der Körper mag es nicht, wenn er geschnitten wird. Und Schleimhäute sind ja auch die Sensibelchen unter den Geweben.
Eine freie Nasenatmung ist eigentlich das Einzige, das mir noch fehlt zu meinem Glück.

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Kommentare

splendid !
splendid !
chambermusic53 (Gast) - 27. Aug, 02:22
ja. Ich geh jetzt auch...
ja. Ich geh jetzt auch Sommersprossen malen. (früher...
g a g a - 3. Aug, 22:29

Anousch - 13. Jul, 14:04

Zuspruch, Trost und Ach!

anousch.mueller ett gmail.com

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